History Repeating: Warum der Zugang der EE-Branche zu Fremdkapital immer schwerer wird

Von Sascha Röber.

Als im Jahr 2001 der Enron-Konzern zusammenbrach und in die Insolvenz ging, rieb man sich weltweit die Augen. Wie konnte das geschehen? Wie konnte das Unternehmen, das sich lange Jahre als der Primus der weltweiten Energiewirtschaft gerierte, plötzlich pleite gehen? Schließlich hatten sich alle großen Ratingagenturen über Jahre darin übertroffen, die besten Noten auf Enrons Bonität zu vergeben.

Als Folge des Zusammenbruchs verloren alleine die aktiven und ehemaligen Mitarbeiter die durch sie angesparten 2 Mrd. $ der privaten betrieblichen Altersvorsorge. Die Summe der uneinbringlichen Forderungen aller Gläubiger beliefen sich indes auf ein Vielfaches. Nicht nur Lieferanten und Vertragspartner, vor allem auch kreditgebende Banken mussten Milliarden abschreiben.

Keine sechs Jahre später ging der allseits bewunderte Primus der Investmentbranche, Lehman Brothers, innerhalb kürzester Zeit in die Insolvenz – der Auslöser für ein menschengemachtes Erdbeben, das die Finanz- und Privatwirtschaft um Kredite und Erspartes brachte und weder Banken noch Kleinanleger auf der ganzen Welt verschonte. In der Folge rissen die über Jahre ebenfalls mit Bestnoten der Ratingagenturen versehenen „ABS-Papiere“ weitere Banken und Anleger mit in den Abgrund und vernichteten Billionen von Dollars, die in den Jahren zuvor durch das Verpacken und Weiterverkaufen mieser Risiken überhaupt erst entstanden waren.

Immer ganz vorne mit dabei: die Banken in aller Welt. Alle hatten sie sich mit den AAA-Papieren von Lehman und anderen Häusern eingedeckt, waren dem scheinbar risikolosen Profit hinterhergejagt und hatten prächtig damit verdient, bis sie schließlich weit mehr als den Profit der vergangenen Jahre innerhalb von Minuten verloren und nicht selten selbst untergingen.

Sahen die Akteure dieses kostspieligen Schauspiels die Katastrophe nicht kommen?

Nein. Natürlich nicht. Sonst wäre die Katastrophe nie passiert.

Lehman und das damit verbundene Geschäftsmodell ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man eigenes Nachdenken an Ratingagenturen auslagert und die eigene Intuition mit der Begründung unterdrückt, die Profis wüssten schon, was sie tun. Hätten die Investoren im Vorfeld der weltweiten Finanzkrise von 2007/08 nämlich einmal versucht zu ergründen, worauf dieses Schneeballsystem mehrfach verpackter und immer neu zusammengestellter Kreditportfolien basiert, hätten sie sicherlich die Finger davon gelassen. Aber: Das AAA war mehr wert als der eigene Zweifel, so es ihn denn überhaupt gab.

Entscheider auf der ganzen Welt vertrauten den Urteilen der Ratingagenturen. Wenn AAA draufstand, musste auch AAA drin sein. Die banale Weisheit aus dem ersten Semester BWL – „there is nothing like a free lunch“ – war wohl an diesen Leuten spurlos vorbeigegangen. Stattdessen verließen sie sich auf hochkomplexe mathematische Modelle, die die Risiken der Transaktionen und Papiere voraussagbar machen und so eine Art finanziellen Perpetuum Mobiles schaffen sollten.

Wer heute auf seine Intuition hört, wird schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass den erneuerbaren Energien die Zukunft gehört. Es ist eine triviale Erkenntnis, dass Öl, Gas, Kohle und Uran eines Tages erschöpft sein werden. Genauso banal ist die Tatsache, dass Wind und Sonne keine Rechnung schicken und im Gegensatz zu den fossil-atomaren Energieträgern keine externen Kosten verursachen (wie z.B. CO2-Ausstoß oder Strahlungsmüll). Über kurz oder lang werden sich die Erneuerbaren genau deshalb durchsetzen: weil sie sauber sind und dauerhaft die denkbar günstigste Form der Energieerzeugung. Die Erneuerbaren tragen den Erfolg ihrer Branche in den eigenen Genen, und die Unternehmen, die sich ihnen verschrieben haben und sie weltweit voranbringen wollen, werden zum größten Teil im Laufe des Siegeszuges der Erneuerbaren ebenfalls erfolgreich sein.

Und trotzdem ist es zunehmend schwieriger, ein Unternehmen mit Kreditlinien finanziert zu bekommen, wenn es in dieser Branche tätig ist. Warum ist das so?

In den vergangenen beiden Jahren gingen diverse Modulhersteller und zuliefernde Maschinenbauer pleite, weil alle (Hersteller, aber eben auch die Banken!) auf denselben fahrenden Zug aufsprangen und keiner davon etwas wissen wollte, dass das unweigerlich zu Überkapazitäten im Markt führen würde. Es wollte auch niemand wahrhaben, dass der Export deutschen Know-Hows vor allem nach China Module zu Preisen hervorbringen würde, die deutlich unter denen europäischer Hersteller liegen würden und so den rapiden Preisverfall auf breiter Front einleiten würden, was wiederum zur Folge haben würde, dass die teuren Maschinenparks in Europa einfach nicht mehr zu bezahlen sein würden.

Banken sind seit Basel II gezwungen, sogenannte Ratingsysteme zu nutzen. Ähnlich wie bei den Verfahren der großen Ratingagenturen müssen Banken mathematisch hochkomplexe Algorithmen verwenden, deren Ergebnisse dann bestimmen, wieviel Eigenkapital das jeweilige Institut für die eingegangenen Risiken vorhalten muss. Diese Algorithmen zielen darauf, die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Schuldners zu ermitteln. Genutzt werden dabei zum größten Teil die Bilanzen und Erfolgsrechnungen der mit Krediten versorgten Bankkunden. Bilanzen bilden immer nur die Vergangenheit ab. Der Blick nach vorne lässt sich jedoch mathematisch nicht ermitteln, die Zukunft ist auch für die bestbezahlten Quants nicht vorhersehbar. Stattdessen basieren diese Ratingmodelle auf dem Irrglauben, man könne aus den Daten der Vergangenheit auf die Zukunft schließen und kleidet diese Idee in mathematische Berechnungen, die jene Firmenkundenbetreuer, die beim Kunden sitzen, selbst weder verstehen noch erklären können. Das alte Muster: Die Quants werden schon wissen, was sie tun.

Frank Schirrmacher schreibt in seinem eben erschienenen und wichtigen Buch „EGO. Das Spiel des Lebens“ zur Finanzkrise von 2007/08: „Alles, buchstäblich alles, was die Krise auslöste, die mit der Lehman-Pleite begann und in die Euro-Krise mündete, war als Risikovermeidungsstrategie konzipiert. Alles basierte auf der Überzeugung, dass der große Automat der Finanzmärkte mit den besten mathematischen Modellen von Mensch und Märkten gefüttert worden sei, um jede Kernschmelze, jede Massenvernichtung und alle Monster auszuschließen.“ Auch die Ratingsysteme, die die Banken heute verwenden, sind darauf ausgelegt, möglichst alle Risiken zu vermeiden, die zu einem Verlust des eingesetzten Kapitals führen könnten. Sie beinhalten die Pleiten der Solarmodulhersteller der vergangenen ein bis zwei Jahre, die bei den Banken zu Abschreibungen in Millionenhöhe führten. Die Portfoliomanager bekommen vom System ihre Ampel auf „Rot“ gestellt, weil der Algorithmus eine Gefahr in der künftigen Finanzierung der EE-Branche „sieht“. Dies paart sich mit den aktuellen dummen Diskussionen um eine „Strompreisexplosion“, die den Eindruck verschärft, die EE-Unternehmen würden nicht einmal mehr die nächste Bundestagswahl erleben. Dieser Reflex, auf jede Pressemeldung sofort zu reagieren, hat bei den Banken Tradition. Die in ihren Investmentabteilungen installierten Computer analyiseren jede Sekunde millionenfach Informationen und Kursbewegungen von Aktien, Anleihen und Derivaten und reagieren mit Kauf- oder Verkaufaufträgen. So passierte es auch im Mai 2010 mit der Aktie des amerikanischen Konsumgüterriesen Procter & Gamble: Innerhalb weniger Sekunden verlor diese Aktie fast 40% ihres Wertes, ausgelöst durch massive Verkaufsorders von Hochfrequenzcomputern. Einen realen Grund für diese Überreaktion gab es nicht – sie konnte nur mit einer fehlerhaften Programmierung erklärt werden.

So agieren Banken heute noch immer. Zum einen versuchen sie verzweifelt, mit ihren Ratingsystemen auf Basis der Vergangenheitsdaten die Trends und Risiken der Zukunft vorauszusagen. Und auf der anderen Seite verschärfen sie diese Effekte durch hektisches, fast erratisches Handeln auf Basis kurzlebiger und selten zutreffender Informationen – ähnlich wie die Programme für den Hochfrequenzhandel. Keiner nimmt sich mehr die Zeit, sich zurückzulehnen und den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Keiner macht sich mehr die Mühe, sich eingehend mit den Akteuren der EE-Branche, den Firmenlenkern, deren Visionen und Ideen zu beschäftigen. Alles ist reduziert auf Formeln und Gleichungen, auf Daten und Zahlen. Nicht der Mensch entscheidet mehr, sondern das Programm, der Algorithmus. Und was weiß der schon von den Potenzialen der Energiewende.

Aber eines ist gewiss: Banken werden trotz der ganzen Mathematik weiter Verluste erleiden. Die Energiewende können die Programme jedoch nicht verhindern.

Foto: © style-photography.de – Fotolia.com

Advertisements

2 Kommentare zu “History Repeating: Warum der Zugang der EE-Branche zu Fremdkapital immer schwerer wird

  1. Ich glaube sehr wohl, dass die Akteure dieses kostspieligen Schauspiels die Katastrophe kommen sahen. Im Enron und WorldCom-Skandal wurden Buchungsregeln mit Vorsatz anders angewandt. Und in der Bankenkrise gibt es genug Hinweise darauf, dass das menschliche Verhalten der Gier und des eigenen Vorteils für einen Teil der Katastrophe verantwortlich ist. Dass die Erneuerbaren nun unter diesem Verhalten und den Erfahrungen zu leiden haben ist für den Energiewechsel und die wirklichen globalen Probleme bitter.

  2. Über LinkedIn erreichte mich folgender Kontakt eines Bekannten, Arne W., der bei einer Bank in London arbeitet.

    „Hi Sascha,
    ich habe Deinen Blog „history repeating“ interessiert gelesen und denke, dass da viel Wahrheit drin ist.
    Allerdings sollte der politische Faktor beruecksichtigt werden.
    Auch bei Renewable Investitionen gibt es keinen „free lunch mehr“. Spaetestens seit in Spanien die FIT rueckwirkend geaendert wurden und/ oder eine Besteuerung eingefuehrt wurde und nicht zuletzt aufgrund der von Herrn Altmeier angestossenen Diskussion ueber eine zusaetzliche Besteuerung bestehender renewable Projekte, sind die Cash Flows aus renewables keines Wegs mehr sicher prognostizierbar. Und was unsichere Cash Flows fuer eine Finanzierung heissen ist klar, mehr Equity fuer das zusaetzliche Risiko und im Extremfall keine Finanzierung. Das spiegelt sich aus meiner privaten Sicht auch in der verminderten Kreditbereitschaft wieder (ich spreche nicht fuer mein Institut). Andere Effekte wie Bilanzbereinigung, Refinanzierungsthemen und zusaetzliche Regulierungen der Banken einmal ausgeklammert.
    Ich denke es wird weiter Finanzierungen geben, nur zu anderen Bedingungen bzw. zu einem anderen Preis und evtl nicht mehr nur ueber Banken.
    Happy to discuss!
    Derweil viele Gruesse,
    Arne“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s